URL dieser Seite: http://www.wgb.igbce.de/-/Exe

02.11.2015

Von: Andrea Mertes

Bildungsurlaub

Hinterher ist man immer klüger

Für die Weiterbildung bezahlten Urlaub zu nehmen, ist in den meisten Bundesländern möglich. Doch zu wenig Beschäftigte machen von ihrem guten Recht Gebrauch.

Chromorange/BilderBox

Bildungsurlaub ist auch im Ausland, etwa in Italien, möglich. Bildungsurlaub ist auch im Ausland, etwa in Italien, möglich.

Come stai – wie geht es dir? Als Melanie Gösling im Sommer 2011 in einem toskanischen Örtchen nahe Florenz Vokabeln paukt, geht es ihr gut. Denn sie macht etwas, für das es im Italienischen gar kein Wort gibt: Sie nimmt Bildungsurlaub. Vier Mal hat die 40 Jahre alte Personalfachkauffrau bisher ihr Recht auf Bildung in Anspruch genommen, vier Mal in insgesamt 20 Jahren Berufsleben. Das ist wenig, wenn man bedenkt, dass ihr – wie den meisten anderen sozialversicherungspflichtig Angestellten in Deutschland – jedes Jahr wenigstens fünf Tage bezahlte Freistellung für die Weiterbildung zustehen. Es ist wenig, wenn man weiß, wie wenig Menschen überhaupt von diesem Vorrecht Gebrauch machen.

Experten schätzen, dass nur etwa ein bis drei Prozent aller Arbeitnehmer, die Anspruch hätten, Bildungsurlaub nehmen. Die Gründe dafür sind zahlreich. Sie reichen von fehlendem Wissen über die Rahmenbedingungen der Angebote bis hin zu latenten Ängsten, weiß Thomas Bulang, in der IG-BCE-Hauptverwaltung im Bereich Bildung aktiv: »Viele Mitarbeiter befürchten Hürden und Nachteile oder auch Druck durch Kollegen und Vorgesetzte.« Es gebe große Unterschiede in den Betrieben. Auf der einen Seite stehen die, bei denen der Bildungsurlaub zur Normalität gehört und das Antragsverfahren gut eingespielt ist. Und dann gibt es die anderen, wo der Einzelne für sein gutes Recht
kämpfen und Vorurteile überwinden muss.

Widerstände hat IG-BCE-Mitglied Melanie Gösling bei ihrem Arbeitgeber, einem international operierendem Arzneimittelhersteller, nie erlebt. Nicht bei der ersten beruflichen Freistellung, die die Mitarbeiterin der Entgeltabrechnung 1999 nach Brüssel führte, mitten hinein in die Diskussionen über den Euro-Wechsel. Und auch nicht beim jüngsten Bildungsurlaub in Italien vor vier Jahren, für den sie ihre Ansprüche aus zwei Jahren zusammengespart hatte. In der Vorbereitung solcher Reisen sucht Gösling das klärende Gespräch mit ihren Kollegen und achtet darauf, die Urlaube nicht in Stressphasen, etwa während der Ab-rechnungszeit, zu legen. Dennoch weiß sie um die Vorbehalte, die rund um diese Form der Weiterbildung kursie-ren: »Wäre ich jünger oder neu in einer Abteilung, würde ich mich vielleicht nicht trauen, so etwas zu machen«, gibt sie zu.

Dem Bildungsurlaub den Rücken stärken will nun eine neue Kampagne des DGB Bildungswerks unter dem Motto »Hinterher ist man immer klüger«. Der Gewerkschaftsbund hat auf dem Portal www.bildungsurlaub-machen.de zusammengetragen, welche Irrtümer über diese besondere Form der Weiterbildung kursieren und wie man sie entkräftet. Es gibt eine Anleitung, wie die Antragsverfahren funktionieren, Broschüren und Flyer, außerdem eine Auflistung aller Bildungsangebote der Gewerkschaften – letztere natürlich kostenfrei. Anders sieht es bei kommerziellen Bildungsanbietern aus: Für ihren zehntägigen Sprachkurs hat Melanie Gösling damals einen marktüblichen Preis bezahlt: »Das war so teuer wie ein normaler Erholungsurlaub.« Nicht jeder will oder kann sich das leisten. Deshalb ist es gut zu wissen, dass Berufstätige auch Bildungsprämien oder Förderprogramme der Länder für ihren Bildungsurlaub nutzen können.

Das Dümmste sei es, ganz auf seine Ansprüche zu verzichten, findet Thomas Bulang: »Wer keinen Bildungsurlaub nimmt, vergibt zugleich eigene Chancen zur politischen, beruflichen und per-sönlichen Weiterentwicklung. Und er forciert indirekt politische Gegner der Bildungsurlaubsgesetze, die deren Abschaffung mit dem Argument fordern, dass es kaum genutzt wird.«

Auch Melanie Gösling träumt gelegentlich von einem fünften Bildungsurlaub. »Kochen in der Camargue« wäre ein Angebot, das sie locken würde. Doch Moment mal – was hat das mit ihrem Beruf zu tun? Gar nichts – und das muss es auch nicht. Denn Bildungsurlaub muss mit dem Job nichts zu tun haben. Im Gegenteil, er soll Distanz zum Lebens- und Arbeitsalltag schaffen.

Experten wie der Bildungsforscher Helmut Bremer (siehe Interview) unterstützen ausdrücklich Modelle, in denen die Fortbildung auch mit sinnlicher Erfahrung verbunden wird. »Gerade für Arbeitnehmer mit einem stark reglementierten Alltag bedeuten solche Erlebenisse einen Ausbruch aus der Monotonie und die Chance, den Kopf für neue Perspektiven zu öffnen.« Und davon profitieren schlussendlich auch die Unternehmen.